Beim Erlöser der Anden

Eine Hochgebirgstour war der zweite Top-Event unserer Mendoza-Woche. Wir wurden in einem Kleinbus teils auf der alten Straße, teils auf der neuen für den Überlandverkehr ausgebauten „Ruta 7“, immer entlang der historischen Eisenbahnlinie, in Richtung Andenkamm geschippert. Unser Reiseführer Darío wusste viel, war äußerst sympatisch, phänomenal in der Vermittlung seines Wissens, und mit dem Talent eines Entertainers ausgestattet. Obwohl wir den ganzen Tag unterwegs waren, wurde uns kein bisschen langweilig. Die Fahrt durch ein paar – für Europäer völlig harmlose – Tunnels dramatisierte er mit Musikuntermalung (Fluch der Karibik, Herr der Ringe). Wirklich dramatisch war eine Stelle, an der wir ein LKW-Wrack in einer Schlucht besichtigen konnten – der Fahrer war auf dem langen Weg von Chile her eingeschlafen. Nach einem Stopp an der Puente del Inca – einer durch Sinterbildung und Unterspülung an Schwefelquellen gebildeten natürlichen Brücke – und einem Fotohalt mit Blick auf den fernen Aconcagua, den höchsten Gipfel der Anden und damit Amerikas (6961 m), ging es auf schwindelerregenden Serpentinen in abenteuerlicher Fahrt eine Schotterstraße hinauf zum historischen Passübergang. Einige Kurven waren nur mit Schwung, Ausholen und leicht durchdrehenden Reifen zu machen – für unseren absolut kaltblütigen Fahrer ein Klacks. Bei der „gefährlichsten“ Haarnadelkurve spielte Darío „Mission Impossible“. Schließlich erreichten wir gut gelaunt, aber doch ein wenig erleichtert, den im Wortsinn atemberaubenden Höhepunkt unserer Tour auf 3840 m. Genau auf der Grenze mit Chile steht hier zum Gedenken an die 1902 – auch durch den Vatikan vermittelte – diplomatische Lösung des Grenzkonflikts das Kreuz von Christo Redentor de los Andes. Mir war leicht schwummerig, doch die Erste Hilfe stand schon bereit: jeder Höhenkranke bekam am Grenzkiosk gratis Wasser und ein Gläschen Likör. Als Gegenleistung mussten wir uns mit albernen Tiermützen fotografieren lassen [Bilder wurden von der Redaktion entfernt].

Beim Embalse Potrerillos, einem Stausee des Río Mendoza. Barbara übt schon mal für den späteren Höhenflug…

 

Blick aus dem Bus auf den Stausee. Unser Reiseführer trinkt – wie könnte es anders sein – Mate

 

Hier in der Schlucht unter der schmalen Brücke rosten seit ein paar Jahren die Reste des abgestürzten LKW vor sich hin – eine Bergung des Wracks ist zu schwierig

 

Puente del Inca, eine natürliche Brücke aus gesintertem Gestein über einem 35 Grad heißen schwefelhaltigen Fluß. Anscheinend war der Kurbetrieb langfristig nicht lukrativ –  ein britisches Luxushotel existiert nur noch als Ruine.

 

Unser Reiseführer erklärt uns mit großer Begeisterung die Entstehung der Puente del Inca und die Geschichte des verlassenen Nobelhotels

 

Händler bieten kunstfertig überkrustete Gegenstände an – von der Flasche bis zum adidas-Turnschuh. Die Dinge werden ein paar Wochen ins Quellwasser gelegt bevor sie verkaufsfertig sind

 

Kaum zu glauben: am Horizont hinter den windzerzausten Touristen zeigt sich der höchste Berg Argentiniens, der Anden, Amerikas und der westlichen Welt – der Aconcagua

 

Las Cuevas ist der letzte Ort vor der chilenischen Grenze. Man kann von hier aus 3 Stunden nach oben zur Passhöhe steigen und wieder 2 Stunden hinab – oder mit dem Kleinbus fahren und die gesparte Zeit beim Mittagessen (sehr lecker und preiswert) verbringen

 

Von Las Cuevas aus schraubten wir uns fast 1000 m weiter hoch, immer auf der alten Passstraße, die heute nur noch von Touristen und vom Militär genutzt wird. Die Stimmung war prima, denn wir begrüßten entgegenkommende Busse mit der „Geste der Todesgefahr“ (eine Handbewegung, die an ein pumpendes Herz erinnert)

 

Christo Redentor de los Andes auf knapp 4000 m, ein Symbol des Friedensschlusses zwischen Argentinien und Chile. Fast wäre es um die vorletzte Jahrhundertwende zum Krieg gekommen, doch der Wille zum Frieden und das Verhandlungsgeschick waren größer

 

Barbaras Zeichnung des Tages (->Link zu mehr Bildern von der Reise auf Instagram)

Dieser Beitrag hat 6 Kommentare

  1. Hey folks,
    nachdem ich jetzt länger nicht hier war muss ich schon sagen,
    die Bilder sind beeindruckend!
    Ihr habt alles richtig gemacht 🙂
    Gute Weiterreise!

    Ich klink mich demnächst wieder
    ein, Grüße,
    gw.

    1. Hi Gero, schön von dir zu hören! Ich hoffe es geht dir gut! Wir haben gerade unser ersten Schritte in Buenos gemacht. Ist schon groß die Stadt, aber wirkt freundlich – wir fürchten uns eigentlich nicht. Freue mich über jeden Kommentar!
      Christian

  2. Hi Christian, stinkt es bei der Puente del Inca wegen des Schwefels nach faulen Eiern?
    Ach, ich lese Eure Geschichten immer so gerne, auch zu den unvernünftigen Zeiten …
    Gute Nacht und weiterhin so viel schöne Erlebnisse!!!
    Regina

    1. Hallo Regina, es stinkt tatsächlich nur ein kleines Bisschen. Das liegt daran, dass man gar nicht nahe an das Wasser rankommt – die „Brücke“ und das Gelände um die Quellen herum sind seit einiger Zeit gesperrt, weil das Umleiten des Quellwassers durch das ehemalige Hotel und die Aktivität des „Wildbadens“ im verfallenen Spa-Bereich den Nachschub an Schwefelwasser so gestört hat, dass die „Brücke“ (die eigentlich eine Durchbruch des Flüsschens durch das versinterte Flusssediment ist) einsturzgefährdet ist. Die Rangers leiten jetzt das Wasser so um, dass die „Brücke“ wieder verfestigt wird, aber lassen niemanden mehr in die Nähe der Quellen. Ich finde das gut, auch wenn es schade ist, die Spa-Becken und das Hotel nur aus der Ferne zu sehen.
      Ich hoffe, ihr leidet nicht zu sehr unter der Pandemie! Wir sind hier sehr weit weg – es gibt angeblich aber auch schon Fälle in Brasilien…
      Christian

  3. Nach einer Skitourenwoche im Sarntal (und wow, trotz Corona durften wir wieder einreisen) kann ich endlich wieder einen Eintrag mit tollen Fotos genießen. Da wäre ich auch gerne mal!

    1. Hallo Martin,
      na du traust dich was. Dachte in Europa sind die Grenzen alle dicht. Aber Rauch in Südamerika ist das Virus mittlerweile angekommen…
      Schätze mal dass du auf fast 4000 m noch fitter gewesen wärst als ich. Ich war schon sehr kurzatmig beieinander.
      Bleib gesund und blog mal wieder!
      Christian

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