Ein sich teilender Bach, ein geteilter Fluss und ein Nationalheld

Ein ordentlicher Bach quillt aus einem Felsen, stürzt herab vom Gebirge, vereint sich mit anderen Bächen, ergießt sich in einen Fluß und überlässt es diesem, sein Wasser schließlich sicher und ruhig einem einzigen Meer zu übergeben. Nicht ungefähr einem Meer, sondern genau einem. Klingt einfach und natürlich, oder?

In der Gegend von Bariloche, da gibt es einen kleinen Bach, der gleich in zwei Meere fließt. Die Meere sind Pazifik und Atlantik und der Bach heißt Arroyo Partido, der „geteilte Bach“. Ich stand an der Teilungsstelle unter einer Brücke direkt auf ihm oder über ihm (klingt beides blöd – wie sagt man das denn richtig?). Und damit zweifellos auf der Wasserscheide zwischen den den Weltmeeren.

Am rechten Bein vorbei in das eine Meer, und am linken in das andere…

Die Sache ist eigentlich ganz einfach: das Wasser kommt vor einer Kurve ziemlich schnell daher. Ein Teil „rutscht“ die Böschung an der Außenkurve hoch, während der größere Teil die Innenkurve und damit einen anderen Lauf nimmt.

Video: der Lauf des Arroyo Partido am Ort seiner Teilung

Welcher Teil in den Pazifik und welcher in den Atlantik fließt, hat sich uns vor Ort nicht erschlossen. Überhaupt hat die Wasserscheide in dem Gebiet um Bariloche einen etwas komplizierten Verlauf (-> hier stehen die Feinheiten). Das liegt daran, dass die Anden hier noch nicht sehr hoch und die Täler sehr tief eingeschnitten sind. Die ursprüngliche Bevölkerung hat diesen Umstand für Passübergänge genutzt. Im 19. Jahrhundert kamen die europäischen Auswanderer auf ihrem Weg nach Bariloche und Umgebung über diese Pässe von Chile nach Argentinien. Und brachten ihr Know-How über Viehzucht, Käse, Schokolade und Bier mit in den noch jungen Staat.

Ebendieser Staat hatte in der Region keine klar festgelegte Grenze, weswegen es Ende des 19. Jahrhunderts zu Verhandlungen mit Chile kam. Auf argentinischer Seite führte sie ein gewisser Francisco Pascasio Moreno an. Der war unter anderem Geograph und widmete einen Großteil seines Lebens der Erforschung Patagoniens. Moreno war damit bestens qualifiziert als Sachverständiger („Perito“). Die beiden Länder hatten zuvor festgelegt, dass die politische Grenze der natürlichen folgen sollte, also dem Verlauf des Kamms der höchsten Berge und – in den Tälern – dem der Wasserscheide: Land, das in den Pazifik entwässert, sollte zu Chile, Land, dessen Wasser in den Atlantik fließt, zu Argentinien gehören. Leider gibt es aber sehr viele Fälle, in denen das Wasser von der „argentinischen“ Flanke nicht in den Atlantik, sondern um den Gebirgsstock herum in den Pazifik abläuft. Und oft, sehr oft konnte Moreno durch die Macht seiner Überzeugungskraft einige Entscheidungen zugunsten Argentiniens drehen (-> ein ausführlicher, kritischer Artikel über Morenos Arbeiten).

Bariloche: das Gedächtnis an Perito Moreno, der Gründer des Nationalparks, ist hier allgegenwärtig – hier in Puerto Blest bei Bariloche

Nebenbei gründete Moreno in der Gegend, wo der geteilte Bach fließt, auf seinem „eigenen“ Land (das wenige Jahrzehnte vorher der ursprünglichen Bevölkerung geraubt worden war) den ersten argentinischen Nationalpark Nahuel Huapi und schenkte ihn dem Staat. Durch all sein wahrlich patriotisches Wirken hat er sich in Argentinien unsterblich gemacht: jede Stadt, jedes Dorf hat eine Perito Moreno-Straße oder eine Perito Moreno-Avenida, die größeren auch mindestens ein Denkmal oder einen Park. Der berühmteste Gletscher des Landes heißt Perito Moreno, im gleichnamigen Nationalpark. Und sogar eine Kleinstadt trägt diesen Namen.

Und zwar aus Dankbarkeit, denn der spätere Nationalheld hat, um für Argentiniens Territorialansprüche den passenden Beleg zu schaffen, einen Kanal graben lassen, der den größten Teil eines Flusses (Río Fenix) umleitete. Letztendlich lag damit die Stadt, die jetzt Perito Moreno heißt, nach seiner wissenschaftlichen Argumentation in Argentinien. Außerdem entwässerte der See nunmehr nicht mehr nur nach Chile, sondern auch nach Argentinien – weswegen er seitdem geteilt ist.

So hat Moreno seinem geliebten Staat zu einer Menge Extraland verholfen. Kein Wunder, dass die Ausflugsboote in „seinem“ Nationalpark aus Ehrerbietung an der Stelle beidrehen und ins Schiffshorn blasen, wo neben seinem Grabmal die argentinische Flagge weht.

Bariloche: hier am Lago Nahuel Huapi ruhen Perito Morenos sterbliche Überreste

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Hi Christian das war ja ein richtig ausgefuchster Typ dieser Moreno! Du hast wie immer bestens recherchiert:) Ich werde mal ein bisschen deutschsprachige Infos über Perito nachlesen. Wie geht’s euch eigentlich mit spanisch? Also wenn du solche Artikel lesen kannst, neige ich bewundernd mein Haupt. Und wie schaust mit Moskitos aus? Bei so viel Wasser….. aber wahrscheinlich ist es dafür noch zu kühl. Konntest du den Conti-Wahnsinn schon hinter dir lassen oder träumst du noch davon? Ich drück dich aus dem heute sabine-stürmigen Regensburg (gerade hätte es beinah unsere Katzendame vom Balkon geweht, sie kam laut schimpfend hereingekrochen). Ich

    1. Hallo Irmin,
      ja ich war ein bisschen hin- und hergerissen wegen Moreno. Wenn jemand so verehrt wird, stimmt irgendwas nicht, aber das kann man ihm ja nicht vorwerfen. Die Sache mit dem umgeleiteten Fluss und dem geteilten See klingt wirklich wie ein Streich, aber es wäre auch komisch, wenn die Grenze zu Chile genau entlang der Wasseerscheide laufen würde, dann dann wäre die Grenze vielerorts irgendwo in der Steppe, mit Blick auf die hohen Andengipfel, und das wäre sehr komisch und war damals, bei den Grenzverhandlungen, sicherlich auch nicht beabsichtigt. Manchmal fällt man halt herein, wenn man meint, die Wissenschaft würde die Intuition stützen…
      Wegen Spanisch… meine Kenntnisse sind leider ganz und gar unpraktisch für Reisen… ich kann prima Briefe schreiben und Zeitung lesen auf Spanisch, aber nicht gut sprechen und verstehen…
      Und Moskitos… bisher haben uns sporadisch große Bremsen, teilweise sogar hübsch karminrot gefärbt, gestört, weniger die Moskitos. Aber es hielt sich in Grenzen, den die Bremsen waren laut und zu langsam für uns… Jetzt, in Mendoza, werden wir gestochen, aber wir wissen nicht von wem. Die Viecher müssen sehr klein sein, und lautlos. Das Gute ist, dass die Stiche nicht so sehr jucken und kaum sichtbar sind.
      Gruß, und gute Besserung!
      Christian

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