In der Gletscherwelt

Die Berge bei El Chaltén gehören größtenteils zum Nationalpark Los Glaciares. Im Norden grenzt der Park an Privatbesitz, und dort darf man nicht wandern. Sogar die Berge mitsamt den Gipfeln (jedenfalls soweit sie in Argentinien liegen) sind privat und gehören wie weite Teile der Provinz Santa Cruz ein paar wenigen Familien. Nein, weder den Tompkins (die sehr sehr viel Land in Chile und auch im Norden Argentiniens haben und Naturschutzzwecken widmen) noch Sting (der angeblich Regenwald in Brasilien gekauft haben soll um ein Reservat draus zu machen). Sondern nur ganz einfachen Großgrundbesitzern. Vermutlich irgendwelche Erben der ersten spanischstämmigen Großgrundbesitzer, die das Land unter sich aufteilen durften, nachdem Argentiniens Regierung Ende des 19. Jahrhunderts in der Conquista del Desierto die dort ansässigen Bevölkerungsgruppen unerbittlich bekriegt und entrechtet hatte. Und damit auch im Süden das Land unter seine Kontrolle gebracht hatte.

Millionen Jahre vorher, als die Gletscher des patagonischen Eisschilds begannen, die ganze Gegend umzukrempeln, machten sie nicht an künstlichen Grenzen Halt, auch nicht an der Landesgrenze zu Chile. Die verläuft hier zumeist auf den Graten der höchsten Gipfel – auf den Gletschern wurde sie mangels sichtbarer Geländeformen auch mal einfach mit dem Lineal gezogen.

Weil in den südlichen Kordilleren die Gletscher recht weit hinabreichen, kommt man in manchen Gegenden auch mit Tagestouren leicht an sie ran – und besonders leicht geht das in El Chaltén.

Brotzeit mit Panorama, vom Loma del Pliege Tumbado, v.l.n.r.: Barbara, Cerro Solo, Cerro Torre (die spitze Nadel mit fast keinen Wolken), Fitz Roy (die hohen Zinken ohne Wolken). Unten der Gletschersee Laguna Torre. Außerhalb des Bildes: ein Kondor.

Einen tollen Überblick über das gesamte Massiv vom Südwesten aus hatten wir vom Loma del Pliegue Tumbado, dem „Hügel der eingestürzten Falte“. Eine sehr schöne aber anstrengende Tour, weil man nach ausgedehnten zauberhaften Waldabschnitten nur noch durch eine Steinwüste aufwärts steigt. Aber trotzdem sehr reizvoll, auch wegen der eingestreuten grünen Polstern andiner Hochgebirgspflanzen. Und: !El Condor pasaba!

Nach einem Ruhetag wollten wir uns den Gletschersee Laguna Torre (Foto oben) aus der Nähe ansehen. Er liegt unterhalb des in Klettererkreisen berühmten Granitturms Cerro Torre. Diesen bekamen wir leider den ganzen Tag nicht zu Gesicht – das Wetter war zu schlecht. Aber Wolken, Wind und Regen hatten auch ihren Reiz: wir wanderten immer wieder einem fantastischen Regenbogen entgegen. Der Regen kam nicht vom blauen Himmel runter, sondern von vorne, uns mit dem Wind entgegen.

Mit Bogen macht Wandern auch bei Regen Spaß

An der Laguna Torre angekommen, blies uns ein Wahnsinnswind entgegen. Wir hatten einige Mühe, den Endmoränenwall hinauf- und wieder abzusteigen, um ans Ufer zu gelangen. Dort wollten wir ursprünglich eine Rast einlegen.

Der Torre-Gletscher kalbt noch, aber auch hier ist das Eis am Rückzug

Nach der ersten Begeisterung über die Komposition von Wasser, Wind und Eis kamen uns dann aber schnell Zweifel an der Durchführbarkeit einer gemütlichen Mittagpause am See…

Pausenplatz am Gletschersee

Außerhalb des Moränenwalls war es dann doch wesentlich angenehmer: wir fanden einen schönen Platz hinter einem großen Felsen und mit Sonne, wo wir die obersten Schichten Kleidung wieder loswerden konnten.

Am nächsten Tag gingen wir wieder sehr früh morgens los, um die „must-do“-Tour der Gegend zu machen: den Aufstieg zum Lago de los Tres, dem Gletschersee unter dem Fitz Roy. Hier oder von einem der Aussichtspunkte auf dem Weg sind praktisch alle Fotos vom Fitz Roy entstanden, die wir zuvor auf Postkarten und in Reiseführern gesehen hatten.

Der Aufstieg ist dreistufig: steil – flach – steil. Erst 400 Höhenmeter meist durch den Wald und mit tollem Blick ins Tal auf eine Hochterrasse.

Die Windungen des Rio de las Vueltas vom Aufstieg zum Fitz Roy gesehen

Auf der Hochterrasse, wo sich mehrere Gletscherabflüsse vereinigen und aus der auch ein fantastischer Wasserfall gespeist wird, geht es dann ziemlich beschaulich und eben dahin. Bis man zum „Basislager“ der Fitz Roy kommt, in dem viele viele junge Hiker ihre Nächte verbringen. Vor dort aus geht es dann ein zweite 400 m hohe Stufe sehr steil hinauf, bis man zum Moränenwall des Lago de los Tres kommt. Wenn man (endlich!) dort oben steht, und sofern man trotz Hinaufhechelns noch etwas davon übrig hat, bleibt einem dann gänzlich die Spucke weg: der Fitz Roy liegt ganz nah vor einem!

Weniger Wolke gab es an diesem Tag nicht

Man teilt die Freude gerne mit ungefähr 300 anderen Bergwanderern, die teils in Reise- oder Familiengruppen, teils alleine unterwegs sind. Und rätselt, woher sie alle kommen mögen: Argentinien, klar, bestimmt auch Chile. USA, Niederlande, Japan, China, Korea, Deutschland, Schweiz, Israel haben wir erkannt. Man hat auf den letzten 400 Höhenmetern Aufstieg nämlich ausreichend Zeit, den Leuten ein- oder mehrmals zu begegnen, ihren Gesprächen zu lauschen, sie zu überholen oder von ihnen überholt zu werden. Was oft eine Herausforderung ist, denn der Pfad ist eng und steil.

Bei schönem Wetter ist es nichts mit Bergeinsamkeit am Lago de los Tres

Halt – ich habe glatt Italien vergessen. Was eine Kunst ist, denn die ganze Zeit sorgte eine Reisegruppe dieser Nationalität für Stimmung.

Umwerfend blau: die Laguna Sucia. Die Aufnahme entstand kurz bevor eine überaus quirlige italienische Reisegruppe ihr Fotoshooting mit höchster Risikofreude begann

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Buenas, Cristián, buenas, Barbara,
    endlich komme ich auch dazu, Euren Blog zu lesen, wo ich gerade ohne Steffi und Mila meine Eltern u.a. besuche 🙂 Vielen Dank für die schönen Berichte – und natürlich kommen mir meine Erinnerungen an meine Südchile- Reise vor 22 Jahren – ein Glück, das sich die Berge kaum verändern 😉
    Was mich noch interessiert: wie übernachtet Ihr bei diesen Wanderungen? Habt Ihr ein Zelt dabei?? Und trinkt Ihr das Wasser der Lagunen?
    Bueno, que les vaya muy bien!

    1. Holá Regina,
      wie schön dass du schreibst!
      Ja warst du denn auch in Argentinien? Wir sind ohne Zelt unterwegs. Wir sind ja sechs Monate in Südamerika und auch viel in Städten und wollten nicht noch mehr Zeug mitschleppen… und in El Chalten kommt man ja gut in einer Tageswanderung zu den Gletschern. Die sind hier so weit unten, da geht das.
      Und die Ranger haben uns mehrmals versichert, dass man ALLES Wasser im Nationalpark trinken kann. Stimmt sicher nicht, weil es noch Reste von Kuhweiden und auch Moore gibt. Aber das schnell fließende Wasser oberhalb der Weiden haben wir gezapft, und es geht uns prima.

      Was mich interessieren würde: verfolgst du Nachrichten über Bolivien? Wir wollen gerne dorthin, aber haben widersprüchliche Informationen.

      Liebe Grüße, und besonders auch an deine Eltern!
      Christian

  2. Hallo Christian,
    naja, ich war bei meinem zweiten Aufenthalt in Südamerika ein Mal von Santiago aus in Mendoza, um mein Visum durch Ausreise und erneute Einreise zu verlängern, das zweite Mal blieb ich ein paar Stunden bei der Grenzstation nahe eines Skigebiets. Und bei unserer Reise mit Andreas und einer weiteren Freundin zu den Torres del Paine im Süden Chiles führte die einzige Landroute über die argentinische Atlantikküste. Und dann eben von Puerto Natales aus die verrückte Tagesreise zum Perito Moreno.
    Zu Bolivien: ich bin aufmerksam und neugierig, wenn ich in den üblichen Medien was über Bolivien höre, hab aber keine andere Quellen, um die aktuelle Lage zu verfolgen. Was ich eben so recherchiert habe, würde ich jetzt dorthin reisen, v.a. mit der Zeit, die Ihr Euch nehmt, also ohne den Stress, an einem bestimmten Tag an einem bestimmten Ort sein zu müssen. Am 3.5. sind Präsidentschaftswahlen angekündigt. Wenn es Euch passt, würde ich an Eurer Stelle eher vorher dorthin, einfach um das Risiko zu umgehen, unter politischen Straßenkämpfen leiden zu müssen. Reicht Euch das soweit oder soll ich noch woanders recherchieren?
    Liebe Grüße, natürlich auch an Barbara, sowie von meinen Eltern und von Andreas mit Anhang;-)
    Genießt Eure Reise noch weiterhin – ich freue mich über die nächsten Berichte!
    Regina

    1. Hallo Regina,
      danke für die Infos zu Bolivien. Eigentlich wollten wir unsere Reise zweiteilen, also die letzte Zeit komplett in Bolivien sein. Mal sehen ob das so klappen wird denn dann wären wir definitiv zur Wahl dort. Mal sehen – die nächsten 6 Wochen sind wir sicher noch in Argentinien. Nächste Station ist Mendoza!
      Mit dem Blog sind wir immer hinterher – wir haben zu wenig Ruhetage…
      Liebe Grüße,
      Christian

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