Tatort Argentinien – Der Corona Krimi

Das wird jetzt was längeres, aber kein 500-Seiten Buch. Ich habe versucht, die letzten Tage tagebuchartig zu dokumentieren. Für euch, für uns. Alles ging so rasend schnell hier, in nicht einmal 2 Wochen veränderte sich unsere Reise zum Leben im goldenen Käfig.

Und so fing es an …

Dienstag 3.3.

Corona kommt über den großen Teich – Argentinien registriert den ersten Fall, ein Mann bringt das Virus aus Italien mit, inzwischen ist er wieder gesund.

Noch völlig ahnungslos was für einen Irrsinn wir hier bald erleben werden, tanzen wir Tango in Buenos Aires, lernen Spanisch und freuen uns an dieser quirligen Stadt. Die Nachrichten aus Europa beunruhigen uns sehr, aber wir hoffen, hier in Südamerika noch lange sicher zu sein. Was für ein Irrglaube …

Dienstag 10.3.

Wir nehmen eine Einzelstunde Tango bei Solange, anschließend kochen wir und unterhalten uns über die in Regensburg abgesagten Milongas und erfahren, dass die Tango Community in Buenos Aires auch überlegt Konsequenzen zu ziehen. Nach Buenos Aires kommen Tänzer von überall her, da ist das Risiko sich gegenseitig anzustecken nicht unerheblich.

Mittwoch 11.3.

Da unser Visum Ende März ausläuft, planen wir einen Ausflug nach Uruguay. Das ist von Buenos Aires aus ganz easy machbar, man hopst mit der Fähre über den Rio de la Plata. Colonia soll sehr schön sein, wir buchen Fähre und Unterkunft für den 16./17.3. Außerdem ist es mal wieder Zeit Geld abzuheben – über Western Union hole ich 300 Euro in Pesos und freue mich über den Superkurs von 90 Pesos.

Zur Zeit ist ein Tangofestival – wir haben einen Workshop bei Chicho Frumboli gebucht, anschließend ist Milonga in La Catedral, wir freuen uns sehr. Nachmittags kommt die Mail – Workshop und Milonga sind abgesagt. Wegen Corona. Oh … auch die Practica, die wir abends stattdessen besuchen wollen, findet nicht mehr statt. Hmmmm …

Screenshot der Webseite „Hoy Milonga“

Donnerstag 12.3.

Die argentinischen Behörden melden erste Fälle der Ausbreitung im Inland. Eine Quarantäne-Empfehlung für Leute die aus Europa einreisen wird ausgesprochen.

Meine Spanischlehrerin begrüsst mich nicht mehr mit dem üblichen Beso.

Auf der Busfahrt zu meiner Spanischlehrerin

Unsere österreichischen Freunde, die wie wir ein halbes Jahr reisen wollen, schicken uns eine Nachricht, dass sie überlegen Südamerika zu verlassen, die Behörden empfehlen die Heimreise. Wir kommen ins Grübeln.

Ich kaufe eine Flasche Desinfektionsspray, Christian hatte auch den Auftrag, ist aber erfolglos – alcohol en gel ist gerade vergriffen. Stattdessen ersteht er reinen Alkohol und Papierhandtücher in Tablettenform. Auch nicht schlecht. Die WHO hat ein Rezept rausgegeben, wie man sich sein eigenes Desinfektionsmittel mischen kann. Dazu bräuchten wir dann nur noch Glyzerin und Wasserstoffperoxyd ….

Unser erstes Definfektions-Handspray

 

Meine Zeichnung des Tages mit Christians Apothekenkassenbons

 

Nachmittags wollen wir zu einem Technikworkshop bei DNI, einer supercoolen Tangoschule. Man tanzt einzeln, das sollte problemlos sein. Wir erfahren, dass bis Ende März bis auf Einzelunterricht alle Kurse und sonstige Angebote eingestellt sind. Zum Glück hat der Shop noch offen und ich kann endlich – die Bestellung wurde verschusselt – mein zweites Paar zapatillas (Tangosneakers) abholen. Mal wieder was Positives zum Thema Tango! Auf der Internetseite Hoy Milonga, die tagesaktuell die Tanzmöglichkeiten zeigt, sind nämlich jetzt alle Milongas gecancelt.

Ausgetanzt: Abschiedsfoto vor dni Tango

 

Mural bei einem Cafe um die Ecke. Wir trinken auf den Schreck der Totalabsagen einen Aperol Spritz

Freitag 13.3.

Die argentinischen Behörden melden den zweiten Covid19-Toten. Alle Reisenden aus Risikoländern (… auch Deutschland), die in den letzten zwei Wochen eingereist sind, müssen ab sofort für 14 Tage in Quarantäne. Die Regierung beschließt per Dekret alle Flüge von und nach Europa ab Mittwoch, 18.3. bis zum 30.4. auszusetzen.

Ziemlich nervös telefoniere ich mit meinem Schwesterherz Katrin, die mich sehr beruhigt. Zuhause ist zum Glück alles im grünen Bereich. Ich mache mir natürlich vor allem um meine Eltern Sorgen, sie gehören mit 80 und 85 Jahren zur Risikogruppe. Auch zu wissen, dass wir jetzt für wer-weiß-wie-lange unfreiwillig getrennt sein werden von unseren Kindern und Freunden fühlt sich nicht schön an. Aber eigentlich ändert sich ja nichts für uns, wir wollen ja sowieso erst im Juni zurück. Wir beschließen jetzt nicht panikartig zu versuchen noch einen Flug zu ergattern. Die Situation scheint hier für uns besser, sicherer (?) zu sein als in Deutschland.

Nach meinem letzten Spanischkurs kaufe ich noch ein zweites Desinfektionsspray in der Apotheke neben dem Kinderkrankenhaus. Inzwischen wird alcohol en gel auch auf der Straße von fliegenden Händlern angeboten (zu günstigen Preisen versteht sich).

Leergefegte Desinfektionsmittelregale

 

WIr sind gut ausgerüstet

 

Zu Solange, mit der wir zu Tangounterricht und Kochen verabredet sind, fahren wir jetzt dann doch lieber mit dem Taxi statt mit der U-Bahn. Solange und Juan empfehlen uns für die Weiterreise die Gegend von Córdoba, perfekt zum Chillen und Abwarten, was so passiert.

Samstag, 14.3.

Uruguay schließt seine Grenzen für Reisende aus Deutschland (Juhu, betrifft uns nicht! Wir sind zwar Deutsche, kommen aber aus Argentinien, … denken wir)

Ich registriere uns in „Elefand“, dem Krisenportal des Auswärtigen Amtes. Für alle Fälle …

Es regnet den ganzen Tag, wir planen unsere Weiterfahrt, Christian reserviert online Reiseführer für Chile und die Osterinseln. Who knows …

Inzwischen habe ich ungefähr 15 Tabs auf meinem Handy zum Thema „Corona in Argentinien“ und „Corona in Europa“ geöffnet und springe hin und her. Ein auf Südamerika spezialisiertes Reisebüro, fasst auf seiner Webseite kurz, knackig und tagesaktuell die Veränderungen in SA zusammen, meine Lieblingsseite. Merci! Ich werde langsam nervös angesichts der rasanten Entwicklungen überall.

Christian telefoniert mit der Botschaft um zu erfahren, wie wir uns ohne Rückflugticket (ein kurzer Sidekick … na??? Wie war das Lösungswort unseres Weihnachtsrätsels???) in Krisenfällen verhalten sollen. Was gibt es für Möglichkeiten, wenn unsere Angehörigen krank werden, z.B.

Diese Nummern soll man anrufen, wenn man Corona-Symptome hat

Sonntag, 15.3.

Angesichts der Entwicklungen an den Grenzen zu den Nachbarländern gehen wir zu Fuß (!) eine Stunde über das Stadtviertel San Telmo zum Hafen, um bei Colonia Express (Fährgesellschaft) eventuell neue Infos zu bekommen oder vielleicht direkt dort unser Visum zu verlängern. Leider kann uns die nette Dame am Schalter auch nicht weiterhelfen und der Grenzposten ist nicht zugänglich.

Im Café in San Telmo bekommen wir von einem Engländer am Nachbartisch den Tipp, doch direkt zur Immigrationsbehörde zu gehen. Er ruft extra eine Freundin für nähere Infos an. Wir Europäer sitzen irgendwie alle im gleichen Boot und müssen solidarisch zusammenhalten, das Gefühl bekomme ich langsam.

Man wird als Europäer und der Steigerung Deutscher immer öfter seltsam angeschaut. Fehlt nur noch, dass die Leute im Café den Tisch wechseln … Für alle Fälle haben wir jetzt immer unseren Reisepass dabei und nicht nur die Kopie.

Einreisestempel im Reisepass. Sollen wir ihn uns aufs T-Shirt drucken lassen?

Montag 16.3.

Argentinien schließt alle Grenzen für Ausländer. Mit sofortiger Wirkung.

Heute wären wir eigentlich nach Uruguay gefahren, hätten dort im netten Colonia übernachtet und wären am Dienstag zurückgekommen. Vorsorglich hatten wir unseren Freund Cesar gebeten unser taxista und Dolmetscher zu sein, da er perfekt deutsch spricht und wir bei den Grenzformalitäten in Coronazeiten vielleicht Unterstützung brauchen.

Wie gut, dass wir uns gestern entschlossen haben hier zu bleiben und die 150 Euro für die Fähre in den Wind zu schießen – wir wären nicht zurückgekommen. Ohne unsere heldenhafte Weitsicht wären wir mit leichtem Gepäck gefahren und hätten viele Sachen in unserer Wohnung in Buenos Aires gelassen. OMG. Wie wir inzwischen gelernt haben ist Argentinien zwar eine Demokratie, aber der Präsident hat viel Entscheidungsmacht. Und kann ganz schnell Dekrete erlassen, die ganz schnell, wirklich ganz schnell, gelten.

Die Übernachtung hat das Hotel in Colonia übrigens kostenlos storniert. Chapeau.

Also … der Plan für heute … Visum verlängern. Wir gehen wieder zu Fuß (!), diesmal sogar mehr als eine Stunde zum Hafen zum Amt für Immigration. Christian steht sogar vor 7 Uhr auf 🙂

Die Schlange konnten wir zwar überholen (alles Arbeitsvisum), aber da unser Visum noch 13 Tage gilt … es pro ley … können wir leider erst am 20.3. verlängern (10 Tage vor Ablauf). D. h. wir bleiben noch ein paar Tage in BsAs und kommen am Freitag wieder … asi está la vida

Schlange vor der Einwanderungsbehörde. Gefühlte 5 km lang

 

Damit wir auch was Schönes und vor allem Grünes erleben, verbringen wir den Tag im Japanischen Garten und beobachten die Flugzeuge, die ziemlich nah über unserer Köpfe fliegen. Wahrscheinlich die letzten nach Europa …

In der Mitte klitzeklein, steigt ein Flugzeug auf

 

Auf dem Rückweg holt Christian dann auch noch Geld von Western Union, schließlich wollen wir nicht ob und wann und wo wir wieder Pesos abheben können. Die Bank ist im Carrefour, einem riesigen Supermarkt. Wir kennen ja inzwischen die Klopapier-jokes aus Deutschland, aber dass es jetzt hier auch so gespenstisch wird, fühlt sich seltsam an …

Putzmittelregal im Supermarkt …

 

… und das Klopapierregal

 

Dienstag 17.3.

Argentinien plant den Reiseverkehr für das lange Wochenende (Mitte der Woche ist ein Feiertag) zu stoppen. Die meisten Nationalparks sind geschlossen, unter anderem Iguazú – das wäre eine unser nächsten Stationen gewesen …

Plan B ist Tigre im Flussdelta, wir wollen raus aus dem grauen Buenos Aires. Freitag, wenn wir unser Visum verlängert haben. Nicht so weit weg, Infrastruktur, Krankenhaus. Die Reisekriterien ändern sich.

Bis dahin bleiben wir in BsAs. Mich packt die erste Panikattacke – was ist, wenn einer von uns krank wird, oder wir beide in Quarantäne müssen? Wir ziehen abends um in die Wohnung eines Freundes mit Küche und grünem Patio. Das haben wir in unserer alten Wohnung, die logistisch günstig liegt, nämlich nicht. Alles grau … Hochhäuser … kein Balsam für die Seele. Und kochen können wir auch nur auf einer Herdplatte.

Blick vom Dach unserer ersten und längsten Wohnung

 

Christian telefoniert nochmal mit der Botschaft, er kann sich nicht eintragen in das völlig überlastete Krisensystem „Elefand“. So wie es aussieht versucht die Bundesregierung alle Touristen demnächst (was auch immer das heißt) auszufliegen. Die Sachlage wird hier nicht besser, die Schwierigkeiten nehmen zu und die Bewegungsmöglichkeiten werden immer weniger. Alles nicht schön. Und sehr traurig. Wir wollten doch eigentlich …

Mittwoch 18.3.

Die argentinischen Behörden melden den dritten Covid19-Toten. Heute gehen die letzten Flieger nach Europa.

Wir geben unsere Versuche nach Grün nicht auf und spazieren in den Norden von BsAs, diesmal ungefähr 1 1/2 Stunden, unser Morgensport. Leider hat alles was man umzäunen kann zu: Botanischer Garten, Eco Parc … In fast allen Cafés gibt es alcohol en gel zum desinfizieren – auf dem Tresen, in der Toilette. Ziemlich gut. Lange Schlangen vor den Supermärkten und den Apotheken, es dürfen immer nur ein paar Leute rein. Und es sind immer öfter Menschen mit Gesichtsmasken unterwegs. Spanisch für den Alltag hier gerade … barbijo oder auch tapabocas. Leider gibt es nirgends mehr welche, zumindest heute. Wir haben mehrere Apotheken getestet.

Leergefegte Plätze

 

Wir finden dann doch noch einen nicht umzäunten Park und ein nettes Café nebenan. Perfekt um mal wieder die 15 Corona-Tabs auf dem Handy zu checken. Und um eine neue Wohlfühlen-Unterkunft mit Balkon zu suchen, wo wir unter Umständen auch länger bleiben können, falls wir müssen. Yessssssss. We got it. Ein nettes kleines Häuschen in Chacarita. Das wird unser dritter Umzug in drei Tagen, hoffentlich der letzte. Wir sind weichgekocht.

Auf der Lufthansaseite entdecken wir eine Liste der Rückholflüge – BsAs steht am 22.3. drin. Unabhängig davon müssen wir uns um andere Flugmöglichkeiten kümmern. Über Brasilien und die Schweiz geht es noch. Lufthansa, wir beschließen es gibt keine andere Option, bietet einen erschwinglichen Flug am 23.3. an für 1490 € p.P. Wir verschieben das Buchen auf morgen, wenn wir in der neuen Unterkunft sind.

Screenshot Rückholflüge

 

Donnerstag 19.3.

Es geht das Gerücht, dass ab heute 17.00 eine landesweite Ausgangssperre gelten soll.

Wir gehen den (möglicherweise letzten) Kaffee trinken, anschließend Hamsterkauf im Coto, einem größeren Supermarkt. Natürlich wieder mit Schlange stehen. Die Ausgangssperre schwebt als Schlechtwetterwolke über uns. Frische Lebensmittel und Basics haben die Chinos, kleine Supermärkte an der Ecke, die in Chinesenhand sind. Das ist kein Problem, dort darf man immer (noch) hin.

Unser letzter Kaffee in Freiheit? Das Desinfektionsspray ist jetzt immer dabei

 

Backwaren-Lieferservice

 

Kreativer Umgang im Supermarkt zum Virenschutz

 

Lieferservice ist schon eingerichtet

 

Wir packen für den Umzug in das Häuschen. Ich bin unruhig und checke vorsichtshalber doch nochmal die Flüge der Lufthansa. Hola – die Flugpreise sind seit gestern abend massiv gestiegen, der Montag ist nicht mehr verfügbar. Die ersten realistischen Preise, also nicht zwischen 3000 und 5000 € p.P. beginnen ab Freitag, 27.3. Leicht hektisch versuchen wir zu buchen. Um festzustellen … die Kreditkartenzahlung funktioniert nicht – mit keiner Karte. Wahrscheinlich das Überweisungslimit. Nach vier erfolglosen Versuchen klappt die Buchung endlich über Paypal. Wir fallen uns um den Hals, atmen auf, die Ausreise ist greifbar. Wir haben einen 28-Stundenflug über Sao Pauli und Zürich ergattert!

Erfolgreich gebucht …

 

… unser Rückflug!

 

Ungelogen … 5 Minuten später (!!!) ruft die Botschaft an und fragt uns ob wir mit einem Rückholflug mitwollen. Direkt BsAs – Frankfurt. Wir müssen uns sofort entscheiden. Der Flug wäre in den nächsten Tagen. Ein kurzer Blick … wir sagen JA. Sind uns wieder um den Hals gefallen. Manchmal ist es auch ein Vorteil, wenn sich die Ereignisse überschlagen – Storno innerhalb 24 Stunden ist kostenfrei … Was für ein Krimi (wehe es kommt nochmal so wild).

Erfolgreich storniert

 

Unser Häuschen ist wunderbar, wir sind sehr glücklich und können uns gut vorstellen, uns hier für mehrere Tage einzuigeln. Da wir wahrscheinlich ab morgen nicht mehr raus können, ziehen wir nochmal los und kaufen eine Yogamatte für mich und Obst und Gemüse. Viele Geschäfte haben geschlossen, es stehen überall Polizisten herum.

Um 21.00 Uhr wird die Ausgangssperre verkündet, sie tritt um 0.00 Uhr in Kraft und gilt bis Ende März: wer nicht mit Einkaufstasche zum Supermarkt um die Ecke oder zur Apotheke unterwegs ist, braucht gute Argumente, meint Präsident Fernández.

Aber wir sind gut versorgt, coronasicher isoliert, das Wetter ist fantastisch … wir haben eine wunderbare Bleibe … und die Aussicht auf eine baldigen Rückflug 🙂

Frühstück in unserem neuen Zuhause

 

Hier wohnt eine Glückskatze – da kann ja nichts mehr schiefgehen

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Puuh, über zu wenig Spannung könnt ihr euch sicher nicht beklagen.Ein echter Abenteuerurlaud.
    Kommt gut nach Hause!

  2. Oh menno, was für eine Geschichte, es fühlt sich immer noch alles wie aus einer anderen Welt an,
    ich hoffe ihr könnt die letzte Zeit noch genießen unter den völlig anderen Bedingungen und kommt gesund
    zurück, eigentlich möchte ich euch was ganz anderes wünschen, alles crazy
    lg

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