Wir sind wieder in Deutschland!

Wir sind am Dienstag, nach einem guten Flug und einer ruhigen Zugfahrt, wieder in Regensburg angekommen. Und das ging so:

Am Montagmorgen um 6 Uhr werden wir vor unserer Wohnung in Buenos Aires von einer remis abgeholt. Das ist eine Art Taxi, das man telefonisch vorbestellen muss. Zwar sollen wir erst um 7:30 Uhr am Flughafen sein, aber die Botschaft hatte uns informiert, dass mit Verzögerungen durch Polizeikontrollen zu rechnen sei. Wir haben einen Passierschein der Botschaft auf dem Handy, und unser Fahrer hat eine Fahrerlaubnis seiner Firma dabei. Beides braucht man in Zeiten der Ausgangssperre, damit man nicht von der Straße geholt wird.

Auf dem Weg zum Flughafen: es ist 6:30, die Sonne geht gerade auf. Nicht viel los auf den Straßen in Zeiten der Ausgangssperre

 

Die Fahrt geht sehr glatt, es gibt wenig Verkehr und nur eine Kontrolle direkt an der Einfahrt zum Flughafen. Wir zeigen unsere Papiere, werden durchgewinkt, dann stehen wir vor dem Abflugterminal. Ins Flughafengebäude wird man nur „tröpfchenweise“ gelassen, wir müssen aber nur kurz warten, dann stehen wir in der Abflughalle.

Buenos Aires, Aeropuerto Pistarini (Ezeiza) um 7 Uhr morgens am 23. März. Als wir das Bild schießen, wissen wir noch nicht sicher, ob wir mitfliegen können

 

Links die Schlange nach Italien, rechts die nach Deutschland. Man wartet diszipliniert, aber die Abstandsregeln werden nicht strikt eingehalten. Botschaftsmitarbeiter/innen und auch der Botschafter selbst sind unterwegs, um den Ablauf zu regeln. Noch kann uns niemand sagen, ob wir mitfliegen können. In der Flugliste stehen zwei Lufthansaflüge nach Frankfurt. Später erfahren wir, dass es nur einen Flug geben wird. Jede/r muss ein Formular ausfüllen mit Namen, Adresse, Ausweisnummer, Bestätigung dass man keine Corona-Symptome hat und dass man bereit ist, den Flugpreis in Höhe eines normalen Economy-Fluges zu bezahlen. Man geht damit zuerst zu einem Schalter der Botschaft. Wenn man mitfliegen darf, bekommt man eine provisorische Bordkarte und stellt sich nochmal in die Schlange zum eigentlichen Check-in der Lufthansa und Gepäckabgabe. Alles sehr gut organisiert und mit ruhiger Hand geführt. Aber manchmal wirken die Ansprechpartner der Botschaft etwas fahrig – kein Wunder, denn sie arbeiten seit Tagen unter Extrembedingungen: Tausende von Menschen, die nach Hause wollen, die IT-Systeme immer überlastet, die erschwerten Bedingungen der Ausgangssperre, vermutlich auch die persönliche Situation so weit weg von vielen Angehörigen und Freunden, die mit jedem Tag steigende Ansteckungsgefahr… Gleichwohl tragen nur wenige Mundschutz.

Wir tauschen und mit den Leuten hinter uns und vor uns aus, erzählen uns unsere Geschichten: eine Frau auf dem Weg in die Antarktis. Erst muss sie für zwei Wochen in vorsorgliche Quarantäne, danach hat sie zwei Tage Wartezeit, bevor ihr Schiff geht, aber am ersten Tag wird die ganze Fahrt vom Veranstalter storniert. Sie bucht einen regulären Rückflug, ihre Kamera geht kaputt, dann wird auch der frisch gebuchte Rückflug gestrichen und sie hängt erstmal fest. Jetzt hofft sie, dass sie beim Rückflugholflug dabei ist. Eine Ethnologin, die über die Lebensverhältnisse von StraßenverkäuferInnen in Argentinien forscht und jetzt ihre Feldstudien unterbrechen muss. Was Covid-19 für Menschen bedeutet, die keine soziale Absicherung haben? Hier ein sehr interessanter Artikel von ihr darüber. Ein Schauspieler, der in Buenos Aires unter anderem Tangounterricht nehmen wollte und jetzt ohne eine einzige Stunde zurück muss.

Ein Journalist ist auch unterwegs, spricht unter anderem mit dem Schauspieler. Er fragt uns, ob er uns interviewen darf. Klar, wir haben doch Zeit. Wir erfahren, dass er Südamerika-Korrespondent für ntv ist, zur Zeit in Buenos Aires lebt und sich trotz Rückflugangebots entschieden hat, erstmal zu bleiben und weiter zu arbeiten. Hier sein Bericht, in dem wir tatsächlich vorkommen.

Jetzt sind wir endlich am Schalter der Botschaft. Der Mitarbeiter sucht nach unseren Namen in seiner Liste. Meinen findet er gleich, aber Barbaras ist verschollen, obwohl sie es war, die uns beide angemeldet hatte… Wir müssen wieder warten. Einem jungen Pärchen geht es ähnlich, sie gehen zu einem anderen Schalter, und da findet man beide Namen. Das können wir auch! 10 Minuten später haben wir unsere vorläufigen Bordpässe in der Hand. Weitere 30 Minuten sind wir unser Fluggepäck los und eingecheckt. Geschafft!

Wir haben die Boardingpässe! Im Hintergrund „unsere“ Boeing 747-830

 

Jetzt haben wir viel Zeit, die wir mit Kaffeetrinken verbringen. Wir essen unsere letzten argentinischen medialunas (Croissants), setzen uns zu einer Gruppe junger Leute um den ntv-Korrespondenten und lauschen den teilweise unglaublichen Geschichten, die sie zu erzählen haben. Wir dachten immer wir hätten Stress mit der Situation, aber jetzt sind wir froh, dass wir nicht an einer Provinzgrenze hängen geblieben sind, 7 Stunden auf einen Arzt warten mussten, uns ein Taxi für hunderte von Kilometern besorgen mussten, weil kein Bus mehr ging.

Die Sondermaschine der Lufthansa (Boeing 747-830) steht für den Rückholflug bereit

 

Sicherheitscheck, die normale Flughafenroutine, keine Besonderheiten. Wieder warten. Wir laden unsere Handys auf, trinken das letzte „Patagonia“-Bier für lange Zeit. Dann boarden wir. Wir hören die Durchsage des Flugkapitäns, er spricht sehr persönlich, alle applaudieren von Herzen. Man merkt der „cabin crew“ an, dass dieser Flug auch für sie keine Routine ist. Alle wirken sehr konzentriert, dabei ein wenig ernst, vielleicht auch gerührt. Viele Reisende sind erschöpft, der Flug verläuft sehr ruhig. Der Jumbo gleitet beinahe majestätisch durch die Luft. Große Gefühlsausbrüche bleiben aus, aber nach der (butterweichen) Landung gibt es wieder großen Applaus.

 

Der Rio de la Plata an seinem Entstehungsgebiet, dem Zusammenfluss von Río Uruguay (kommt von rechts) und Río Paraná (kommt von oben). Im Zentrum hinten die zahlreichen Verästelungen des Río Paraná. Der Arm ganz links heisst Río Paraná de las Palmas und bildet die natürliche Grenze des Großraums von Buenos Aires, der am äußersten linken Bildrand mit dem Ort Tigre beginnt. Hier waren wir vor zwei Wochen noch mit dem Kanu unterwegs – nicht ahnend, wie bald wir diesen phantastischen Naturraum aus dem Flugzeug sehen würden

 

Wir landen pünktlich. Im Flughafen Frankfurt geht alles fast seinen normalen Lauf: weder gibt es einen Gesundheitscheck noch große Bemühungen, die vielen Menschen auf Distanz zu halten. Wir hätten zumindest Temperaturmessungen erwartet. Man überlässt es jedem selbst, sich vernünftig zu verhalten. Das tun die meisten auch, und viele tragen hier Mundschutz.
Frankfurt Flughafen: am Gepäckband stehen viele Menschen – hier packen wir das erste Mal unsere Masken aus

 

Zwei Stunden und einen Kaffee mit Butterbreze später sitzen wir im ICE nach Regensburg. Echt klasse ist, dass man mit der Lufthansa-Bordkarte kostenlos Bahn fahren kann. Während die Bahnsteige im Flughafen normal gefüllt erscheinen, sind die im Frankfurter Hauptbahnhof gespenstisch leer. Der Zug gleitet durch ein Land, das auf uns ganz anders wirkt als vor einem Vierteljahr, befremdlich. Befremdet sind wir in den nächsten Stunden und Tagen auch über die Unterschiede im Umgang mit der Infektionskrankheit. In Argentinien, das doch erst ganz am Anfang der Epidemie steht, waren wir es gewohnt, dass in Supermärkten die Zugänge kontrolliert und die Zahl der Einkaufenden begrenzt werden. Dass die Abstandsregeln strenger überwacht werden. Dass in den Cafes und Geschäften fast überall antivirales Handgel herumsteht. Froh, sehr froh, bin ich darüber, dass wir in Deutschland an die frische Luft können, Spazieren gehen, Joggen, den Frühling im Freien genießen.
Ausgangssperre dort, Ausgangsbeschränkung hier – noch immer reibe ich mir manchmal die Augen und denke, wir sind in einem Film. Für uns ist die Episode Argentinien glücklich und ohne große Angst, Schmerzen oder Verluste zu Ende gegangen. Ich wünsche allen, die noch hängen geblieben sind – egal ob in Argentinien, Chile, Panama, Nepal oder anderswo – das gleiche Glück. Und danke den krisenfesten Mitarbeitern der Deutschen Botschaft in Buenos Aires, unserer großartigen Crew der Lufthansa und allen, die im Hintergrund gewirkt haben. Dafür, dass sie uns herausgeholt haben aus einer Art Belagerung – ohne eigene Handlungs- und Bewegungsfreiheit und mit zunehmendem Gefühl des Unerwünschtseins.

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